Funkelmarie

Ich war nie ein Glitzermädchen, nie, nie nie. Keine Ahnung warum, aber ich bin glitzerresistent. Dachte ich. Ich mag es schlicht. In meinem Kleiderschrank findet sich schwarz und dunkelblau, grau und weiss, vielleicht ein paar Streifen oder Punkte, ansonsten ist alles klar und schnörkellos. Vielleicht habe ich das meiner Mutter zu verdanken, die mich und meine Schwestern in den 70ern höchst geschmackvoll einkleidete. Sie hat damals in Stuttgarts feinstem Bekleidungshaus am Platz gearbeitet und nicht selten musste sie am Monatsende Geld bezahlen statt welches zu bekommen, weil sie tütenweise Kinderkleidung nach Hause brachte. Mein Vater hat ihr erklärt, dass das eigentlich nicht der Sinn der Sache wäre, aber er hat ihr den Spass gelassen, ihre Töchter hübsch anzuziehen. Ganz ohne rosafarbenes Kätzchen-Geglitzer. Wo war ich? Ach ja, die Glitzerresistenz.

Von der war ich überzeugt, bis ich vor ein paar Wochen auf dem Heimweg an diesem Second Hand Laden vorbei kam. Ich gucke da immer ins Schaufenster, manchmal liegen da hübsche Sachen, manchmal denke ich „tja nun, nur weil Chanel drin steht, werden diese Treter auch nicht schön“. Ich war schon fast vorbei, da sah ich etwas glitzern und, was soll ich sagen, mein inneres Glamourgörl ist aufgewacht und es hat sofort angefangen zu nörgeln. „Bleib doch mal stehen!“ hat es gewispert, ganz leise, kaum hörbar, immerhin hat es vierzig Jahre geschwiegen. „Nö.“ habe ich erwidert. „Ich kenn‘ dich doch gar nicht, außerdem muss ich schnell zum Bäcker, sonst gibt’s kein Laugenbaguette mehr.“ Glamourgörl sagte nichts, bis zum nächsten Tag. „Heute guckst du dir die Schuhe aber mal genauer an!“ erklärte es und piekte mich in den Magen. „Autsch! Also gut.“ sagte ich und blieb vor dem Schaufenster stehen. Uff. Das waren mal Funkelschuhe. Nicht nur, dass sie gülden glitzerten, nein, es waren auch noch riesige Swarowski-Steine darauf. Und Schleifen. Mehr Gefunkel geht nicht. Überhaupt nichts für mich. Auf keinen Fall, ziehe ich nicht an. Glamourgörl war anderer Meinung. Mit jedem Tag, den ich sein Rufen ignorierte, wurde es böser. Es zeterte und trat und zwickte mich und haute mir seinen spitzen Ellbogen in die Leber, bis ich nicht mehr konnte. „Jetzt hör‘ mal gut zu, Glamourgörl, ich gehe heute in diesen Laden und gucke mir die Treter mal an. Aber bestimmt sind sie zu teuer und passen nicht, ich hab‘ nämlich so Daisy-Duck-Füsse, die gehen nur in Birkenstocks. Außerdem, sie gefallen mir nicht. Ich schau sie mir an, aber dann haust du ab, kapiert? Wir passen einfach nicht zusammen.“ Es nickte und freute sich. Am nächsten Tag ging ich also in diesen Laden und sah mir die Funkelschuhe an. 39 ½, also zu groß, danke tschüss, das war’s dann, auf Nimmerwiedersehen, Görl, wir haben es versucht. Glamourgörl zog eine Schnute, es war ganz traurig. Doch dann bekam es Hilfe von der russischen Verkäuferin. Sie sah mich mit den Schuhen in der Hand und beschloss, dass ich sie kaufen musste. Ich hatte überhaupt keine Chance, wie russischer Tennisspieler schmetterte sie jeden Einwand ab, während Glamourgörl auf und ab hüpfte und ihr zujubelte:

 

Eigentlich sind die mir zu gross, ich hab‘ Größe 38.“ „Quatsch, zu gross. Bei Ballerina ist gräßer immär bessär, wegen Anschwellen von die Fuss! Nähme Sie Einlage, Schuh ist ein Traum!“.

 

Aber ich weiss nicht so recht, ich trage eigentlich gar kein Glitzer.“ „Sie tragen Jeans?“ „Ähm, ja.“ „Dann tragen Sie auch diese Schuh. Ist ein Traum, ächte Hingucker!“

 

„Puh, tja, ich bin mir nicht sicher…“ „Sähn Sie Preis! 70 Euro! Ist Miu Miu, ist geschänkt! Ist ein Traum, missän Sie kaufen!“

 

Ein paar Minuten später stand ich mit einer Tüte auf der Strasse. Darin waren die Funkelschuhe.  Glamourgörl sagte: „Du wirst sehen, das wird ganz toll, die kannst du auf K.s Hochzeit anziehen, da hast du doch noch keine Schuhe für!“. „Ach halt doch einfach die Klappe, blöde Kuh!“, erwiderte ich. „Du hast ja schon gewonnen, ich hab‘ sie gekauft und ich zieh‘ sie an. Aber hoffentlich scheint bei der Hochzeit nicht zu sehr die Sonne, sonst werden alle blind und du bist schuld.“

Viel zu langer Rede, kurzer Sinn: Hallo, mein Name ist Silke und ich bin ein Glitzermädchen. Ich habe Funkelschuhe und ich liebe sie. Und am Tag der Hochzeit war es ziemlich bewölkt, puh.

 

2014-06-24 15.57.53-1

Daisy & ich

Vor zehn Jahren hat ein Typ, den ich gerade ein paar Stunden kannte, auf meine Füsse geguckt und „du hast ja auch eher so Daisy-Duck-Füsse“ gesagt. Ich war erst irritiert, dann beleidigt (ich hatte rote Sneaker an, die ich wirklich mochte). Schließlich musste ich lachen und wir wurden Freunde. Seitdem heissen meine Füsse Daisy-Duck-Füsse, denn der Name passt perfekt. Ich habe kleine breite Füsse, nicht ganz, aber doch etwas rund. Offiziell bestätigt wurde das beim Kauf von Laufschuhen als der Verkäufer nach dem Messen meiner Füsse mitleidig guckte und ins Lager ging, um nach breiter geschnittenen Modellen zu suchen. 

Natürlich gibt es Probleme, die wesentlich schlimmer sind, die tatsächlich Probleme sind, aber wirklich hübsche, schmale Schuhe zu tragen ist mit Daisy Ducks Füssen nicht drin. Keine hochhakigen Riemchensandalen, keine spitzen Pumps, überhaupt nichts was irgendwie schmal zuläuft und/oder tief ausgeschnitten und/oder mit Riemchen über dem Fussrücken verbunden ist – bei Louboutins bin ich nicht nur finanziell raus. Wenn ich es mit solchen Schuhen versuche, leide ich Höllenqualen. Es heisst zwar, wer schön sein will muss leiden, aber nö, nicht für mich. Ich verbringe solche Abende damit, mit verkniffenem Mund auf den Boden zu starren und nicht daran zu denken, wie meine armen Füsse nachher wohl aussehen werden. Rohes Fleisch, ganz bestimmt, wenn sie nicht sofort abfallen. Unmöglich, sich dabei zu amüsieren. Unmöglich, dabei gut auszusehen. Unmöglich, dass ein Mann das sexy finden kann.

Zum Glück hat die Welt ein Einsehen und es gibt durchaus Schuhe, die ich tragen kann. Solche, die dafür sorgen, dass der Mann auf der Strasse einen entsetzen Blick auf meine Füsse wirft und „O je, du hast vergessen Schuhe anzuziehen!“ ruft. Birkenstocks, Modell Gizeh. Kindersandalen in Erwachsenengröße von Saltwater. Silberne Espandrilles. Ausgelatschte Ballerinas. Ich liebe all diese Schuhe, trage sie immer und zu allem, den ganzen Sommer lang, aber für gewisse Anlässe sind sie doch nicht das Richtige. Hochzeiten zum Beispiel. Und in 3 Wochen steht eine an, meine liebe Freundin K heiratet mit Kirche und allem. Oh oh, jetzt wird’s ernst. Ich hab‘ schon mindestens drei Dutzend Paare anprobiert und bin an allen gescheitert. Einmal sass eine Frau neben mir, die jammerte, dass ihr jeder Schuh vom Fuss fällt, weil sie so schmale Füsschen hat, während mir ein sehr schöner, perfekt zum Kleid passender spitzer Ballerina mit Fesselriemchen in dunkelblau-rosé an der grossen Zehe baumelte, weiter kam ich gar nicht erst rein. Grmpf. Vielleicht sollte ich mal bei Daisy anrufen und fragen, wo sie ihre runden Pumps kauft.

2014-06-19 16.50.10

Birkenstock-Füsse. Mit Essie-Nagellack „Watermelon“.

Lasst Mode sprechen

Seit einiger Zeit, versucht die Mode mich zu überreden, wieder T-Shirts mit Aufdruck zu tragen. So wie früher, als Teenager. In den späten 80ern und frühen 90ern habe ich meine Band-T-Shirts GELIEBT! Zum Beispiel das von Guns N‘ Roses . Oder das von den Ärzten. Ich hatte auch ein paar von Bands, die ich überhaupt nicht mochte, auf die aber mein jeweiliger Schwarm voll abfuhr. Erinnert sich jemand außer mir noch an die Heftchen, die immer den Zeitschriften beilagen? Man konnte Poster und Shirts bestellen und je mehr man bestellte, desto billiger wurde es, und deshalb gingen Listen in der Klasse rum und alle Mädchen haben mindestens ein Poster mit einem dieser heulenden Clowns drauf bestellt? Damals, bevor es das Internet gab, und bevor man bei all den Highstreet-Ketten Band-Shirts kaufen konnte (armer Kurt, armer Tupac, ich bin sicher, ihr rotiert in euren Gräbern). Puh, ich bin alt.

So ungefähr mit dem Ende der Pubertät habe ich aufgehört, Aufdrucke zu tragen, ohne dass mir etwas gefehlt hätte.

Aber seit einer Weile sind sie wieder da und es gibt da ein paar wirklich schöne. Die an gut gestylten schönen Menschen auch wirklich schön aussehen.

In meinem Instgram-Feed ist zum Beispiel dieses Shirt aufgetaucht:

Und dieses:

 

Große Wahrheiten auf grauen T-Shirts. Ich war kurz davor, sie in meinen Warenkorb zu legen, aber dann habe ich überlegt. Stimmt das denn? Vielleicht würde mir joggen ja total Spaß machen, wenn mein kaputtes Knie nicht wäre. Und vielleicht würden mich die Leute angucken und denken „tja, das sieht man, das du keinen Sport machst, da musst du nicht stolz drauf sein“. Und eigentlich sage ich gar nichts, wenn ich hungrig bin, außer „ich hab‘ soooo Hunger“. Das wäre also total gelogen. Außerdem – zutiefst oberflächlich, aber wahr: wenn ich an T-Shirts mit Aufdrucken denke, geht in meinem Kopf eine Schublade auf. Und da sind eben keine Moderedakteurinnen/-bloggerinen/Streetstyleikonen drin, sondern dicke Männer, die T-Shirts tragen, auf denen „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ oder „FBI – Female Body Inspector“ steht. Und Frauen, von deren gigantischen Brüsten blauäugige Wölfe nachdenklich in die Welt gucken. Diese Frauen tragen zweifarbige Frisuren (pink/schwarz, blond/braun) und zu enge Leggins. Die Schublade ist sehr voll, weil auch ganz viele Junggesellen-Abschiede drin sind: „Da freue ich mich auf die Stripperin und was bekomme ich? Dieses T-Shirt“. „Ich will und er hat zu wollen – Germany’s Next Topwife“. Oh nein.

Solche Überlegungen haben mich auch davon abgehalten, auch nur in Erwägung zu ziehen, das Iron Girl-Shirt von Rika zu erwerben, egal wie hübsch sie an Helena Christensen (HELENA!) aussehen oder wie schön diese Fotostrecke (wie toll ist bitte Julianne Moore?) ist. Es käme mir falsch vor. Gelogen. Ich bin kein Iron Girl, ich fürchte mich vor vielem. Ich hab‘ mit Tigern nichts am Hut. Ich war noch nie in Tokyo, ich hab‘ nicht mal „Lost in translation“ bis zum Ende geguckt.Über solche Dinge denke ich wirklich nach, manchmal glaube ich, ich habe sie nicht mehr alle. Ist doch nur Mode, sieht doch hübsch aus. Sind doch nur T-Shirts, ist doch egal, dass es nicht stimmt. Aber ich kann nicht anders.

Nur mein altes I ❤ NY-Shirt kann ich ohne Grübeleien anziehen. Da war ich schließlich schon ein paarmal, ich habe es in New York gekauft und ich liebe New York wirklich. Und ansonsten laufe ich einfach weiter unbeschriftet durch die Welt.